Frauen Balanceakt

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Wer in die Beletage von Unternehmen aufgenommen werden will, muss ordentlich strampeln – Frauen meist ein bisschen mehr. Das hat sich auch im Online-zeitalter nicht geändert.

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„Frauen in Führungspositionen – das ist ein Desaster in Deutschland“, polterte Thomas Sattelberger. Was sich anhörte wie ein unternehmerisches Macho-Statement gegen weibliche Führungskräfte, war völlig anders gemeint: Der smarte Schwabe, zwischen 2007 und 2012 Telekom-Personalvorstand, hatte während Günter Jauchs Talkshow („Der ungerechte Lohn – Warum verdienen Frauen weniger?“, 22. März 2015) nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es in deutschen Unternehmen zu wenige weibliche Führungskräfte gibt. Unabhängig davon war er anschließend genervt der Frauenministerin Manuela Schwesig in die Parade gefahren, die gerade eine Lobeshymne auf die von ihr initiierte und kürzlich im Bundestag verabschiedete Frauenquote gesungen hatte. Eine freiwillige Lösung sei ihm allemal lieber als die Bevormundung durch den Staat, sagte er und verwies auf die 30-Prozent-Frauenquote, die er im Telekom-Vorstand schon Jahre vor dem heutigen starren Verdikt des Gesetzgebers eingeführt hatte.

Tatsächlich sind die Führungspositionen großer Unternehmen in Deutschland nach wie vor fest in Männerhand, sodass jede Menge zu tun bleibt, bis beide Geschlechter in Spitzengremien auch nur annähernd in ähnlichem Ausmaß vertreten sein werden, konstatiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im jüngsten Managerinnen-Barometer 2015. „Die geplante gesetzliche Frauenquote allein kann die Welt jedoch nicht ändern“, schränken die beiden Autorinnen Elke Holst (DIW Berlin) und Anja Kirsch (FU Berlin) ein. Das entspricht dem Meinungsbild von Frauen, die den Sprung in die Führungsetagen bereits geschafft haben – sei es als Unternehmensgründerin oder als angestellte Managerin.

„Wer das Potenzial von Frauen und jungen Nachwuchskräften für die Besetzung von Führungspositionen konsequent ausschöpfen will, muss die Führungsorganisation für die Lebensrealitäten dieser Zielgruppen öffnen“, lautet etwa das grundsätzliche Credo von Sandra Widmaier, Personaldirektorin des Hamburger Versandhändlers Otto Group und zuständig für alle konzernrelevanten Mitarbeiterthemen. Zu den Lebensrealitäten gehören ihrer Meinung nach flexible Arbeitszeiten, dezentrale Arbeitsformen sowie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da eine Frauenquote allein diesen Ansprüchen nicht gerecht werden kann, sieht sie sich auch nicht als Verfechterin einer solchen Regelung. Dennoch glaubt sie, dass die Quote dem Thema Frauen in Führungspositionen einen Schub geben und den dazu „dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel beschleunigen“ wird.

Dieser Katalysator für den gesellschaftlichen Wandel muss nach Ansicht von Anna Mangold „eine Kultur schaffen, in der es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Frauen das Gleiche erreichen können wie Männer – wenn sie es wollen.“ Sie selbst und ihre Partnerin Claudia von Boeselager haben es gewollt und erreicht. Seit 2013 ist das Berliner Start-up mit einer Geschäftsidee am Markt, die sich in der Praxis schnell als erfolgreich erwiesen hat: Gemäß dem Motto „love and rent/every moment is amazing“ (die Anfangsbuchstaben ergeben den Firmennamen Laremia) haben die beiden Unternehmerinnen einen Verleih für Frauen-Garderobe gegründet – Kleider samt passenden Accessoires von großen und kleinen Modedesignern, online ebenso wie stationär angeboten. „Zielstrebigkeit und Ehrgeiz sind nicht abhängig vom Geschlecht“, sagt Anna Mangold weiter.

Das sieht Yvonne Tesch indessen anders. „Männer und Frauen haben einen unterschiedlichen Antrieb“, betont die ausgebildete Informatikerin und Inhaberin der MaryMe GmbH in Berlin. Das von ihr im November 2007 gegründete IT-Unternehmen bietet durch Produktsuchmaschinen und entsprechend hinterlegte Preisvergleichsseiten für Nutzer wie Online-Händler eine Schnittstelle für einfaches, transparentes und sicheres Shopping an. Nach anfänglich extrem schnellem Wachstum ist Yvonne Tesch schließlich auf einen gemäßigten Konsolidierungskurs umgeschwenkt. „Männer wollen gewinnen“, sagt sie. Sie stünden gern im Wettbewerb und liebten es, ihre Leistungsgrenzen auszutesten. Frauen seien zwar auch zielstrebig, suchten aber eher inhaltliche Erfüllung, Spaß an der Arbeit oder Vereinbarkeit mit der Familie. Gerade bei diesem Punkt – Vereinbarkeit von Beruf und Familie – stoßen Frauen laut Petra Schumann auf „ungleiche Wettbewerbsbedingungen“. Nach Ansicht der Vorstandssprecherin der Konsumgenos senschaft Leipzig eG, einem der großen regionalen Lebensmittelhändler mit 71 Filialen, über 900 Mitarbeitern und gut 100 Mio. Euro Umsatz, müssen Frauen zur Erreichung einer Führungsposition mehr leisten als Männer, um den „Wettbewerbsnachteil“ einer Doppelbelastung von Job und Familie auszugleichen. Häufig fehle das notwendige Netzwerk, um für eine Führungsposition in Betracht zu kommen. Unabdingbar ist jedoch für die LEH-Managerin aus Leipzig, dass Männer wie Frauen über die gleiche fachliche Qualifikation verfügen.